Ansichtssache

Ein Text von Esther Theiler, Trauerfachfrau i. A. bei der LEQUA.

Im WC Raum unseres Ausbildungslokales hat es ein Brünneli. Nun, das ist nichts Besonderes. In den meisten WC-Räumen hat es ein Lavabo. Aber dieses Brünneli ist etwas Spezielles.
Es ist ganz aus schwarzem Marmor. Die Oberfläche ist glatt poliert, die Seiten und das eigentliche Brünneli sind naturbelassen und rauh. Das ist ungewohnt. Die Vertiefung wirkt so etwas stumpf und nicht hygienisch glänzend.
Unter dem Brünneli auf dem Boden liegt ein Spiegel.
Sie fragen, weshalb es auf dem Boden des WC-Raumes einen Spiegel hat? Das habe ich mich auch gefragt. Drei Ausbildungstage lang. Dann gehe ich der Sache auf den Grund und schaue einmal richtig in diesen Spiegel.
 
Völlig überraschend blickt mir ein graues längliches Kreuz entgegen. Ein Kreuz, das dezent in diesen Marmor gemeisselt ist. Mit wohlig grauslichem Entsetzen bücke ich mich tiefer und erkenne im Spiegel auch eine Inschrift - Lina Karli-Affolter 1870-1951

Das Brünneli ist ein Grabstein.

Es ist Ansichtssache, ob ein Brünneli ein Grabstein ist.

Ob ein Zebra ein weisses Pferd ist mit schwarzen Streifen oder umgekehrt. Ob das Glas halb voll oder halb leer ist. Oder ob die 10 000 Menschen auf dem Bundesplatz an der Demo für eine gewählte Bundesrätin ein Zeichen sind oder nicht.

Es ist Ansichtssache, ob die Flugzeugwerke in Krisengebiete exportieren dürfen oder nicht. Ob die Eltern das Kind misshandelt haben oder nur gestraft. Oder ob der Todesschütze therapierbar ist oder nicht.

Es ist Ansichtssache, ob er Schuld ist an der Trennung oder sie. Ob die konservativen Kräfte den Untergang der Kirche einläuten oder sie retten. Oder ob ich selber entscheiden soll, wann ich sterbe oder nicht.

Wenn ich in den Spiegel blicke, so kann aus einem Brünneli ein Grabstein werden.

Manchmal lohnt es sich, in den Spiegel zu blicken.